Eine kleine Vitrine in Elses Zimmer war ein Geburtstagsgeschenk der Innenarchitektin und Freundin Liv Falkenberg. Hier befinden sich Andenken, die jedes sicher eine Geschichte wert sind. Aber wer kann sie erzählen?
Auf einem selbst gebastelten Propellerflugzeug aus Aluminium ist auf der Rückseite der Tragfläche eingraviert: Le Vernet – 1939 – 1941. Es ist die Zeit, die Wolf im Konzentrationslager im noch nicht von den deutschen Faschisten besetzten Südfrankreich interniert ist, wie viele andere Juden, Kommunisten, Spanienkämpfer und in Frankreich gestrandete Emigranten aus vielen Ländern. Wolfs Erzählungen aus dieser Zeit lassen das Elend und die Solidarität der Gefangenen in der eisigen Kälte des Pyrenäenwindes aufleben.
In der Erzählung „Im KZ des Pétain-Frankreichs“ schildert Wolf, wie die Gefangenen den 7. November 1939 feiern wollen und kleine Geschenke fertigen:
„Es war uns klar, dieser Tag war ein besonderer Tag. Trotz des verschärften Strafdienstes in dem abgelegenen französischen Konzentrationslager an der Pyrenäengrenze, trotz des Terrors der faschistischen Garde mobile gegen uns Politische, trotz unserer elenden Lumpen am Leibe und unserer völligen Armut, dieser Tag musste gefeiert werden. Aber wie? Das war die große Frage …
… Wir alle sprangen vom Stroh auf und umarmten uns. Und dann kauerten wir wieder nieder und gaben das Lämpchen in die Nachbarbox, wo die Spanier mit den Italienern saßen; aber Esteban, mein junger Freund aus Valencia, kroch zu mir herüber und gab mir das erste Geschenk zum 7. November, ein kleines Notizbuch für zweiundzwanzig Centimes; er hatte mir mein Lieblingslied „España madre“ hineingeschrieben. Das kleine Notizbuch verehrte er mir „als Handwerkszeug für den Schriftsteller Federigo Wolf“. Ich habe es tatsächlich als Handwerkszeug benutzt und in dieser Zeit mein Drama „Beaumarchais“, das ich später im Lager beendete, darin angefangen. Übrigens begann trotz unserer Armut jetzt eine wahre Geschenkeorgie. Kleine Taschenmesser, die man bisher verborgen hatte, wurden verschenkt, Käppis, bunte spanische Halstücher, Ledergürtel, buchstäblich das letzte was man auf dem Leibe hatte. Man tauschte gegenseitig die Kochgeschirre und ritzte in den metallenen Boden das Datum: 7. November 1939.“
Auf dem Flugzeug, wahrscheinlich liebevoll aus einem Kochgeschirr gebastelt, lässt der eingravierte Zeitraum vermuten, dass es sich um ein Abschiedsgeschenk eines Mitgefangenen in Le Vernet handelt. Das Flugzeug mag ein Symbol der Sehnsucht nach einem Weg in die Freiheit gewesen sein, denn die Gefangenen hatten in der Nähe des Lagers einen Flugplatz planieren müssen. Von seinem ältesten Sohn Markus hatte Friedrich Wolf erfahren, dass er Flugzeugbau studieren will. Aber dann kam der Krieg …
Die Entstehung eines seiner besten Dramen „Beaumarchais“ unter den schwierigen Bedingungen des Lagerlebens beschreibt Friedrich Wolf in der Erzählung „Der Lupenschreiber“, wie sein spanischer Freund Esteban, ein Uhrmacher, mit winzigen Werkzeugen für Gefangene und Offiziere arbeitete, freiwillig seinen Pass einem anderen gab, da er der einzige war, der in winziger Schrift Nachrichten auf kleinen Papierzettelchen verfassen konnte, sodass sie zusammengerollt in einem Mantelknopf nach draußen gelangten.


