Von der großartigen Inszenierung mit dem Unteritel „Mit der Demokratie ist es aus!” sind uns vor allem drei Eindrücke geblieben: Irritation, Bedrückung und Beklemmung. Und wir können nur raten: Schauen Sie sich dieses Stück an!
Irritation
Zwei schwarze Haufen rennen aggressiv aufeinander zu und beginnen eine Prügelei, bevor sie wieder verschwinden. Unheil zieht auf.
Auf der Bühne entsteht mit wenigen Handgriffen eine Krankenstation. Dort wird nach und nach vermittelt, was Friedrich Wolf 1933, als er schon fliehen musste, hellsichtig für Deutschland kommen sah. Assistenzärzte verhandeln bereits über arisches Blut und den Wert ihres bislang hochverdienten jüdischen Chefarztes. Langsam entwickelt sich genau die Atmosphäre, in der eine menschenfeindliche Ideologie Macht gewinnen kann über „Menschen wie du und ich“.
Völkisches Geschwurbel scheint heute wieder vertraut, auch wenn arisch heute biodeutsch heißt. Auch die Figuren glaubt man zu kennen. In Kürze übersetzt: So schlimm wird es schon nicht kommen, da sind doch auch gute Gedanken dabei, man kann sich doch nicht dagegenstellen, man muss doch verstehen …
Bedrückung
Freunde, Kollegen, selbst die Familie. Was sicher geglaubt war, ist nicht mehr wahr. Als die Tochter, beschimpft und bedroht, mit dem gelben Fleck auf der Jacke nach Hause kommt, gerät Mamlocks deutschnationale und auf Pflicht und Ethos beruhende Welt endgültig ins Wanken. Sohn Rolf als kämpferischer Kommunist erscheint abseitig. Zieh einem Mann eine Uniform an und gib ihm kleine Macht. In den braunen Uniformen mit Hakenkreuz wird die Bedrohung real greifbar und erscheint bald allmächtig, als der schmale Assistenzarzt so bedeutungsschwer in Braun die Macht an sich reißt, die Umgebung Mamlocks korrumpiert und unter Druck setzt. So schnell kann es gehen …
Zwischenspiel: Das aToc und wir
Als die Geschwister Jonas und Julia Pietsch gemeinsam mit Stefanie Hechler 2025 zu einem Besuch im Haus Friedrich Wolfs in Lehnitz kamen und uns das Projekt vorstellten, schien es noch weit entfernt und nicht auf sicheren Beinen. Wir waren überrascht und haben uns sehr gefreut, als wir dann die Einladungen zur Aufführung erhielten.
Die erfahrenen Theaterprofis waren überzeugt von dem Drama Friedrich Wolfs, das in den letzten Monaten bis zur Aufführung nahezu gespenstisch an Aktualität gewann. Sie probten mit dem Laientheater „aToc e. V.“ ohne feste Bühne und Spielort und brachten das Drama in seiner ganzen Differenziertheit und Bedrückung auf die Bühne; 100 Minuten, ohne Pause.
Manches geschieht langsam, aber die Zeit wird nicht lang, und beim Zuschauer ist bald vergessen, dass hier Laien auf, vor und hinter der Bühne unterwegs sind. Schnell umgebautes Bühnenbild und rasantes Umkleiden, um in schwarzem Dress Gefahr und in SA-Uniformen ein beklemmendes „Zu-spät“ zu vermitteln. Die Intensität entsteht, weil deutlich zu spüren ist, dass die Darsteller sich in ihre Rollen hineingelebt haben.
Beklemmung
Es ist erstaunlich, dass nach dem Erleben des Wolf-Dramas „Professor Mamlock“ in verschiedenen Inszenierungen großer Theater und nach dem mehrmaligen Sehen des Mamlock-Films von Konrad Wolf die Akteure des Laientheaters eine Eindringlichkeit erreichen, in welcher der dargestellte faschistische Sog in seiner Wirkung auf die Menschen gespenstisch nachwirkt. Ja, es ist eine andere Zeit, aber beklemmend, wie eine dem Menschen feindliche und Menschen fangende Ideologie so schnell so viel Macht gewinnen kann.
Es lohnt sich, diese wunderbare Aufführung schnell noch zu sehen. Das Ensemble wird unter den Bedingungen des Laienspiels eines gemeinnützigen Theatervereins mit sparsamsten Mitteln nicht häufiger auftreten können, zumal sie nach weiteren Spielstätten suchen müssen.
Wann?
16. Oktober, um 19:00 Uhr
17. Oktober, um 19:00 Uhr
Wo?
Im großen Saal des JugendKulturZentrums Pumpe, Lützowstraße 42, 10785 Berlin.
Wie viel?
Tickets kosten 15,57 €, ermäßigt 12,50 €.
Tickets und aktuelle Infos erhaltet ihr unter
https://theater-atoc.de/professor-mamlock.


Alle Fotos: © Theater aToc e. V.
