Tiere sehen

Impression von der Eröffnung der Ausstellung
Die Ausstellung mit Grafiken von Johannes K. G. Niedlich ist eröffnet. Sie wird drei Monate lang im Friedrich-Wolf-Literaturhaus zu sehen sein.

Es war eine schöne Vernissage, die wir am vergangenen Samstag erleben durften. Zu Gast in Lehnitz waren neben einem sehr angetanenen Publikum Johannes Karl Gotthard Niedlichs Witwe Angela Niedlich und Dieter Bräkow, der mit einem kurzweiligen Vortrag zu Leben und Werk von Johannes Niedlich begeisterte.

Warum es lohnt, sich die Ausstellung während unserer Öffnungszeiten freitags von 12 bis 16 Uhr oder im Rahmen einer Veranstaltung anzuschauen, zeigt der folgende Auslegetext der Kuratorin und Wandlitzer Künstlerin Stephanie Bothe.

Eigensinn und Eigenleben

Eine Sache verbindet Friedrich Wolf und Johannes Niedlich: Sie sahen beide Tiere. Und sie sahen, dass Tiere uns Menschen sehen. Das ist nicht so trivial, wie es sich zunächst anhört oder liest.

Beide Künstler kannten sich nicht. Als Friedrich Wolf 1953 starb, war Johannes Niedlich erst vier Jahre alt. Die Verbindung, der wir im Friedrich-Wolf-Literaturhaus nachspüren wollen, ergibt sich nicht allein durch die Illustrationen Niedlichs zu Wolfs Märchen und Tiergeschichten für große und kleine Kinder. Dies war eine Auftragsarbeit, die der Aufbau-Verlag in den 1980er Jahren an Niedlich vergab.

Beide Künstler machen Tiere zu Handelnden, gestehen ihnen Eigensinn und Eigenleben zu. Beide vermeiden schematische oder symbolische Darstellungen. Niedlich ist ein sehr genauer Beobachter. Wolf fühlt schon früh seine Verbindung zu den nicht-menschlichen Mitwesen und ist lange Vegetarier.

Menschliches wohnt nicht allein im Menschen

Wir zeigen bis Ende August 2026 nicht nur eine Auswahl an Illustrationen zu Wolfs Geschichten, sondern auch freie Grafiken, die Niedlich nach der Wende anfertigte. Die Illustrationen zeigen Beziehungen zwischen den Handelnden auf. Die freien Grafiken portraitieren das jeweilige Tier als Charakter. Niedlichs Grafiken sind ausschließlich mit sehr feinen Tuschestrichen gezeichnet. Anschließend hat er sie mit Aquarell coloriert. Friedrich Wolf erzählt von Tieren, die Absichten haben, auch Schwächen. Sie treten in Beziehungen zueinander. Sie helfen, täuschen, fürchten, wünschen, kämpfen. Hunde, Hasen, Frösche, Vögel, Schlange, Sonne und Mond bilden eine Welt, in der das Menschliche nicht allein im Menschen wohnt.

Und hier kommen wir zum Punkt, warum beide heute noch relevant sind – relevant im kunstwissenschaftlichen Diskurs: Der neue Materialismus befasst sich mit den Beziehungen zwischen Menschen und nicht-menschlichen Aktanten wie Tieren oder Technologien in der Welt. Es geht ihm um die Überwindung der menschlichen Vormachtstellung. Die Materie wird als aktiv und wirkmächtig gedacht. Jane Bennett, eine einflussreiche Vertreterin des neuen Materialismus, empfiehlt die ‚sanfte‘ Anthropomorphisierung – die Vermenschlichung, um die Handlungsmacht der nicht-menschlichen Phänomene anzuerkennen, sodass sie eine Aufwertung erfahren. Sowohl bei Wolf als auch bei Niedlich ist genau dies zu erfahren: Der Mensch verliert seine zentrale Position und nicht-menschliche Akteure übernehmen die Bühne. Beide bauen Brücken, stellen Nähe her, fördern die Empfindungs-fähigkeit der Lesenden und der Betrachtenden. Möglicherweise stoßen sie uns an, Respekt zu üben.

Einer Spur folgen

Beide hier gezeigten Werkgruppen von Niedlich tun dies auf unterschiedliche Art und Weise:

Wie reagiert Niedlich auf Wolfs Märchen? Und was zeigt sich dort, wo er sich vom literarischen Anlass löst? Beiden ist gemein, dass sie einem Blick widersprechen, der Tiere nur als Dekor oder Symbol versteht.

Die Ausstellung folgt einer Spur: dem Interesse an Tieren als Wesen auf Augenhöhe. Sie fragt, was geschieht, wenn das Tier nicht Objekt der Betrachtung bleibt, sondern Gegenüber wird. Tiere sehen heißt: Nicht über Tiere hinwegzusehen. Nicht nur das Menschliche in ihnen zu suchen. Sondern das jeweils eigene Wesen mit seiner jeweils eigenen Würde in ihnen.

Die Ausstellung wird gefördert mit Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg.

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