Neben mir auf dem kleinen Beistelltischchen stehen drei Gläser tote Frucht. Geschmacksrichtung Erdbeere.
„Ich will vögeln. Vögeln. Vögeln.“
Schallt es durch den ehrwürdigen Alten Kiefernweg 5.
Freddy Wolf liegt als Plüschtigerfell auf der Bühne. Anna Stiede hüllt sich später in ihn ein.
In zwei Szenen schwäbelnd, holt sie den Autor in die Gegenwart.
Das Publikum ist mehr als nur dabei, es muss auch zwischendurch seinen Körper bewegen. Friedrich hätte das gefallen. Bewegung ist wichtig für die Gesundheit.
Die abgetriebene DDR – die tote Frucht auf Folie, gestopft in eine rote Plastiktasche mit weißen Punkten – wird durch die Reihen weitergegeben, VORSICHTIG, mit beiden Händen. Anna Stiede sieht alles.
Erst bei ihrer wiederholten Nasendusche mit 200ml flüssigkeitfassender Spritze sehe ich Menschen Hände vor Gesichter halten. Es spritzt aus Annas Nase, ihrem Ohr und ihrem Schoß.
Das Schlussbild ist fast romantisch, zwei der drei Heten tanzen engumschlungen zu What was I made for?, dem Titelsong aus dem Kinofilm Barbie – herzzerreißend gesungen und das Publikum durchdrungen von Al Titzkis Stimme. Anna mit dem Schild um den Hals: Ken hat abgetrieben.
Ohne Luft zu holen, zärtlich
Hier wird nichts weniger verhandelt als das Recht, über meinen Körper zu bestimmen, meine Lust, meinen Wunsch, Mutter zu werden oder eben nicht. Friedrich Wolf stieß das Thema 1929 mit seinem Drama Cyankali an und auf die Bühne. PKRK legen den Text zugrunde, partiell tauchen auch Dialoge aus dem Original auf, Schnipsel aus einer Verfilmung. Ohne Luft zu holen, trotzdem zärtlich, kommen die Figuren und die Handlung dem Publikum nah.
Gute Künstler kopieren, großartige Künstler stehlen. Um es mit Picasso zu sagen, wir erlebten am 5. Juli die großartigste Kunst und sind dankbar, dass Cyankali seinen Weg nach Lehnitz gefunden hat.
Eine erste Rezension von einem Zuschauer erreichte uns noch am selben Abend:
Mit einer unglaublichen Bühnenpräsenz fesselte ANNA STIEDE im Friedrich-Wolf-Literaturhaus das begeisterte Publikum. Aufgeführt wurde eine freie Adaption des frühen Friedrich Wolf-Stückes CYANKALI, das die Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruches bereits 1929 thematisierte. (Hans-Joachim Laesicke)
Text: Stephanie Bothe
Fotos: Stephanie Bothe und Hans-Joachim Laesicke





