Schwebende Lasten
Lesung mit Annett Gröschner am 15.03.2026
Bis in den hintersten Winkel waren die Wolfsche Bibliothek und das einstige Esszimmer mit Gästen gefüllt. Annett Gröschners Romane treffen den Nerv der Zeit. So auch ihr neuester: „Schwebende Lasten“.
Sie nimmt uns mit auf den Lebensweg der Blumenbinderin Hanna Krause, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Kranfahrerin ihre große Familie ernährt. Blumen bleiben für Hanna der Halt im Leben. Die Geschichte, die Annett Gröschner las, berührt die Geschichten vieler Familien, enthält die Erfahrungen der zu Beginn des letzten Jahrhunderts Geborenen. Erfahrungen, die sich in die Folgegenerationen einschreiben – eben auch als schwebende Lasten.
Die Autorin hat sich intensiv mit Lebensgeschichten von Frauen der Kriegs- und Vorkriegsgenerationen beschäftigt. Auffallend sei gewesen, dass die Frauen vielfach selbst den schlimmsten Momenten in ihrer Erzählung etwas zum Lachen abgerungen hätten. Und so erleben wir aus der Sicht der Romanfigur Hanna deren Alltagswelt mit fast naiver Ungeschönheit, so dass Liebenswertes, kaum erträgliche Not und Groteskes miteinander verweben. Man schmunzelt in einem Moment, um im nächsten von der Tragweite der Ereignisse Betroffenheit zu empfinden. Wut auch, so wenn deutlich wird, wie alleingelassen die Frauen in den Fragen der weiblichen Sexualität, der Schwangerschaften, der Versorgung der Familie, versagt bleibender Geburtenkontrolle und Gesundheitsfürsorge waren. Welche Lasten sie zu tragen hatten – und haben. Und immer wieder Schönheit, Zuwendung, Beistand geben, viel mehr, als sie es für sich selbst beanspruchen.
Die Beengtheit, mit der sich die 90 Gäste im Hause Wolfs anfangs arrangierten, wurde im Laufe der Lesung und des anschließenden Gespräches mehr und mehr als Nähe wahrnehmbar.
Die Veranstaltung wurde von der Gleichstellungsbeauftragen der Stadt Oranienburg im Rahmen der Brandenburgischen Frauenwochen gefördert.
Das Foto zeigt Annett Gröschner während ihrer Lesung im Friedrich-Wolf-Literaturhaus in Lehnitz.
